Japandi - Wenn Japan und Skandinavien zeitlose, ruhige Räume planen

Wohn- und Essbereich im Japandi-Stil mit raumhohem Einbauregal aus Holz, Leinenvorhang und Esstisch

Wohnbereich nach japanischen Raumprinzipien gestaltet.

Japandi gilt als japanisch-skandinavischer Einrichtungsstil, der japanische Ästhetik mit skandinavischem Design verbindet. Für mich ist Japandi vor allem eine Haltung zum Raum, die sich auch in deutschen Häusern planen lässt. Ruhe entsteht dabei durch Minimalismus, Struktur, Stauraum, Licht und bewusst gestaltete Leere. Ja, richtig gelesen: Leere.

Japandi - Wenn Japan und Skandinavien zeitlose, ruhige Räume planen

Das Wichtigste in Kürze


Japandi ist ein japanisch-skandinavischer Einrichtungsstil und Wohnstil, der Einfachheit, Handwerk, Natur und Funktion verbindet. Er ist kein Deko-Stil und schon gar keine Einkaufsliste, die du einfach so im Möbelhaus abhakst.

  • Beide Kulturen inspirieren sich seit über 150 Jahren gegenseitig: Aus Japan kommen Wabi-Sabi, minimalistische Elemente und die bewusst gestaltete Leere, aus Skandinavien Hygge, Gemütlichkeit und Funktionalität.

  • Ruhe im Raum entsteht über Raumstruktur, Stauraum, Raumkanten, Sichtachsen, Übergänge und bewusst gestaltete Leere. Sorgfältig ausgewählte Möbel und Styling kommen erst danach.

  • Sechs japanische Raumprinzipien sind für mich maßgeblich für die Raumstruktur. Sie folgen dem Weg durch das Haus: Roji für den Weg zur Tür, Genkan für das Ankommen, Ma für gestaltete Leere, Fusuma für wandelbare Räume, Oshiire für Stauraum in der Wand und Engawa für den Übergang zum Garten.

  • Dahinter steht Oku, die Idee der räumlichen Tiefe: Ein Haus öffnet sich in Schichten, von öffentlich zu privat.

  • Japandi wirkt erst, wenn sich die Raumprinzipien durch viele Räume ziehen. Erst über die Raumgesamtheit entsteht das Gefühl von Ruhe.

  • Licht und Schatten gehören zusammen: Gedämpftes, gezielt gesetztes Licht und bewusst geplante Schatten machen einen Raum spannend und trotzdem ruhig.

  • Den Japandi-Look kannst du auch in deinem Zuhause umsetzen. Er funktioniert im Bestandshaus genauso wie im Neubau - und in jedem Raum, vom Treppenhaus über die Küche bis zum Bad.

  • Typisch sind natürliche Materialien wie Holz, Leinen, Bambus, Stein und Keramik, klare Linien, niedrige Möbel und Naturfarben - also entsättigte Farbtöne.

 

Wie ich japanische Raumplanung kennengelernt habe

Angefangen hat alles in Japan. Als frühere Flugbegleiterin der Lufthansa habe ich in Hotelzimmern in Tokio, Osaka und Nagoya übernachtet. Später habe ich das Land auf privaten Reisen erkundet, und heute übertrage ich diese Erfahrung auf Häuser in Deutschland.

Ein sattes Klack. Die Zimmertür fällt hinter mir ins Schloss. Tokio kurz nach Sonnenaufgang. Es wird gerade hell. Elf Stunden Flug in den Knochen, die Uniform klebt, in der rechten Hand der Rollkoffer, in der linken die Schlüsselkarte.

Mich empfängt eine unglaubliche Ruhe. Kein nervender Fernseher mit Begrüßungsbildschirm. Kein Stapel bunter Hochglanzbroschüren. Keine sieben Zierkissen, die ich erst vom Bett räumen muss. Stattdessen: Shoji-Paneele vor dem Fenster, die das Licht der aufwachenden Stadt zu einem weichen Schimmer filtern. Ein niedriger Tisch, darauf ein Holztablett mit einer Kanne grünem Tee. Ein Bett mit heller, schwerer Bettwäsche. Eine Leuchte mit tiefviolettem Keramikfuß. Der einzige Akzent - sonst Sand- und Erdfarben.

Ich spüre, wie meine Schultern sich entspannen. Ich freue mich auf die warme Dusche und auf mindestens fünf Stunden Schlaf.

Als Flugbegleiterin habe ich in rund 3.000 Hotelzimmern in 126 Ländern übernachtet. Ich wusste ganz genau, in welchem Hotel auf der Welt ich mich erholen kann und in welchem nicht. Mit Jetlag ist jeder Mensch sensibel. Nach elf Stunden Flug ist das erträgliche Reizmaß niedrig, und man spürt sofort, welcher Raum die Unruhe verstärkt. Die japanischen Zimmer waren im weltweiten Vergleich die besten. Sie waren ideal bei Jetlag und ideal für einen Aufenthalt in einer Megametropole wie Tokio, Osaka oder Nagoya. Diese Zimmer haben mein Nervensystem beruhigt.

Genau dieses Gefühl steckt im Japandi-Stil. Wenn ich heute ein Haus in diesem Stil plane, denke ich deshalb immer auch die Stille mit. Leere Wände, klare Raumkanten, Licht - und Schatten. Wir in Deutschland haben entweder zu wenig Licht oder wir leuchten unsere Räume bis in die letzte Ecke aus. Beides schafft keine behagliche Atmosphäre.

Wenn du gerade ein Haus planst, umbaust oder sanierst und dir ein ruhiges Zuhause im Japandi-Stil wünschst, ist dieser Artikel für dich geschrieben.

 

Was ist Japandi?

Japandi verbindet japanisches und skandinavisches Design. Beide Stile sind geprägt von Einfachheit, Handwerk, alterungsfähigen Materialien, Natur und visueller Ruhe. Für mich beschreibt Japandi vor allem eine Haltung zum Raum.

Der Name verrät es schon: Japan plus Skandinavien. Japanische und skandinavische Gestaltung haben mehr gemeinsam, als man denkt.

Schon im 19. Jahrhundert reisten skandinavische Gestalter nach Japan und kamen begeistert zurück: von der Reduktion, vom Handwerk, von der Nähe zur Natur. Beide Kulturen waren sich in einem Punkt schon damals einig: Ein guter Raum braucht keine Dekoration. Er braucht Zeit und Durchdachtsein.

Aus Japan kommt der Wabi-Sabi-Gedanke - die Schönheit des Unperfekten, des Gealterten, des Echten. Falls du meinen Artikel über Wabi-Sabi schon kennst, weißt du, wie sehr mich diese Haltung geprägt hat. Aus dem Norden kommt Hygge - Wärme, Textilien, Kerzenlicht, das Gefühl von Geborgenheit und Beisammensein mit Familie, Nachbarn und Freunden.

Japandi nimmt von beidem das Beste: die Eleganz Japans und die Schlichtheit Skandinaviens. Klare Linien, aber nichts Kaltes. Minimalismus, aber nichts Leeres. Funktionalität, aber mit Seele. Neben japanischer Eleganz bringt die Einfachheit des skandinavischen Designs etwas mit, das Japan manchmal fehlt und das wir in Deutschland lieben: Gemütlichkeit - spätestens ab Herbst und besonders an langen Winterabenden.


In Japan habe ich später noch etwas anderes gelernt: wie präzise Verarbeitung und Gelassenheit zusammengehen. Eine Holzverbindung sitzt dort auf den Millimeter. Aber die Maserung darf unregelmäßig sein, die Glasur der Teeschale darf Sprünge haben. Präzision ohne Perfektionsanspruch. Wir Deutschen können das Erste ziemlich gut. Perfektion loslassen können wir weniger gut.

 
„Japandi ist Präzision ohne Perfektionsanspruch. Wir Deutschen können das Erste ziemlich gut. Perfektion loslassen können wir weniger gut.“
— Martina Velmeden
 

Ist Japandi nur ein Trend?

Japandi ist mehr als ein Trend. Der Name ist neu, die Haltung ist alt. Gestalter aus Japan und Skandinavien inspirieren sich seit dem 19. Jahrhundert gegenseitig.

Ich mag das Wort Trend in diesem Zusammenhang eh nicht. Wer ein Haus baut oder umbaut, plant für zwanzig Jahre und mehr, nicht für eine Saison. Für mich ist Japandi deshalb kein Wohntrend. Ruhige, gedeckte Farben, natürliche Materialien und durchdachter Stauraum veralten nicht und sind auch nicht wirklich neu. Schon Adolf Loos setzte sich für schlichte, visuell zurückhaltende Wandschränke ein, und das bereits um 1900. Mehr über einen minimalistischen Lebensstil und Adolf Loos.

 

Warum ist Japandi keine Einkaufsliste?

 

Ich mache da kein Geheimnis draus: Mich stört, dass dieser Einrichtungsstil meistens als Einkaufsliste erklärt und verkauft wird.

Du kennst diese Artikel: ein Couchtisch aus heller Eiche hiervon, eine Vase in Hellblau drauf, ein Sideboard und ein Rattan-Herumstehchen dazu - und fertig ist der „Japandi-Look“. Am Ende jedes Absatzes ein Kauflink, Möbel und Dekoration fein säuberlich zum Nachshoppen. Die „Kollektion Japandi“ wartet schon im Warenkorb.

Japandi ist keine Einkaufsliste.


Für mich schafft erst die Raumstruktur die Ruhe - lange bevor Möbel und grobe Wollteppiche kommen. Raumstruktur heißt: Wege, Übergänge, Blickachsen und integrierter Stauraum. Das kann kein Möbelhaus erledigen.

Dabei geht genau das verloren, was den Kern des Japandi-Stils ausmacht - die Kultur dahinter. Die Lehre vom Raum. Japandi ist in Japan keine Ästhetik, die man sich kauft. Es ist die Art, wie dort über Räume nachgedacht wird. Seit Jahrhunderten.

Schau nach Tokio. Hohe Mieten, enorme Bevölkerungsdichte, kleine Wohnungen - deutlich kleiner als das, was für uns klein ist. Und trotzdem schafft es japanische Innenarchitektur, auf wenigen Quadratmetern Wohnungen zu entwerfen, die sinnlich sind.

Das ist keine Frage der Quadratmeter. Das ist eine Frage des Denkens.

Das Möbelhaus fragt: Was stelle ich in den Raum? Japan fragt: Wie bewege ich mich durch ihn? Wo komme ich an, wo lege ich ab, wo kommen meine Augen zur Ruhe, wo darf ich durchatmen, was brauche ich wo und wie viel davon? Das sind erst mal Fragen an den Grundriss. Das hat noch nichts mit Dingen in deinem Einkaufskorb zu tun.

Raum so zu denken, ist zugegeben anstrengender, als shoppen zu gehen. Doch am Ende entstehen damit Räume, die sich fertig anfühlen. Deshalb nehme ich dich jetzt mit in sechs japanische Raumprinzipien, die mich bei meinen Projekten begleiten.

 

Welche japanischen Raumprinzipien stecken hinter Japandi?

 

Sechs wichtige japanische Raumprinzipien machen für mich Japandi aus:

  • Roji - 露地 - führt von der Straße zur Tür.

  • Genkan - 玄関 - markiert das Ankommen.

  • Ma - 間 - bezeichnet die gestaltete Leere.

  • Fusuma - 襖 - teilen flexibel den Raum.

  • Oshiire - 押入れ - versteckt den Stauraum in der Wand.

  • Engawa - 縁側 - verbindet Haus und Garten.

 

Ich arbeite auch mit japanischen Kundinnen und Kunden, die in Deutschland leben. Und weißt du, was sie hier am meisten vermissen? Nicht das Essen. Nicht mal die Höflichkeit im Straßenverkehr oder pünktliche Züge. Sondern den japanischen Standard gut durchdachter Räume.

 
Shoji und Fusuma Schiebe-Elemente gliedern den Raum und filtern das Tageslicht

Traditionelle, blickdichte Schiebe-Elemente: Fusuma (襖) - blickdicht und Shoji (障子) lassen Licht durch.

 

Roji - der Weg zur Tür

 

Der Roji (露地) ist ursprünglich der Gartenweg zum Teehaus. Wörtlich heißt er „taunasser Boden“. Trittsteine verlangsamen den Schritt, was beruhigen soll. Wer am Teehaus ankommt, hat den Alltag schon hinter sich gelassen.

Für mich beginnt Japandi deshalb vor der Haustür. In vielen deutschen Häusern führt der kürzeste Weg vom Auto zur Tür, vorbei an Mülltonnen und Fahrrädern. Der Roji zeigt, dass schon der Weg zum Haus Beachtung braucht.

 

Genkan - der Übergang zwischen draußen und drinnen

 

Der Genkan (玄関) ist der leicht abgesenkte Eingangsbereich japanischer Wohnungen. Dieses Raumprinzip basiert auf der physischen und symbolischen Abgrenzung von schmutzig und rein. Dort bleiben die Straßenschuhe. Dort spricht man mit einem Lieferservice oder dem Postboten. Erst eine Stufe höher, auf dem sauberen Holzboden, beginnt das eigentliche Zuhause.

Das ist mehr als Hygiene. Es ist ein Ritual. Schuhe aus, Alltag aus. Und bei uns? Bei uns latschen wir mit den Straßenschuhen bis ins Wohnzimmer, werfen die Jacke über den Stuhl und wundern uns, warum wir nicht zur Ruhe kommen. Der Genkan ordnet das Nachhausekommen räumlich. Dein Nervensystem versteht solche Schwellen sofort. In Japan gehört oft sogar ein Duft dazu: Zedernholz.

 

Ma - Leere und Zwischenraum als Gestaltungselement

 

Ma (間) ist das japanische Wort für den Zwischenraum - die bewusste Leere zwischen den Dingen, verstanden als eigenes Gestaltungselement.

Die freie Wand in deinem Wohnzimmer ist kein Ort für noch ein Bild und noch eine Steckdose. Sie ist die Pause, die der Raum zum Atmen braucht. So wie in der Musik, wo es die Pause zum Einatmen gibt.

 

Fusuma - offen wohnen, ohne auf Rückzug zu verzichten

 

Fusuma (襖) sind blickdichte Schiebeelemente aus einem Holzrahmen und festem Papier. Sie sind ein zentrales Element der flexiblen, fließenden Raumaufteilung in Japan. Fusuma teilen Räume, ohne sie für immer zu trennen. Ein japanischer Raum kann tagsüber offen sein und abends zu kleineren, geschützten Räumen werden. Shoji lassen Licht hindurch, Fusuma schaffen Rückzug.

Für mich sind Fusuma die Antwort auf die Nachteile des offenen Wohnbereichs. Offene Räume sind hell und großzügig. Aber Geräusche, Gerüche und Unruhe verteilen sich ungehindert, und ein Rückzugsort fehlt. Mit Fusuma bleibt der Raum offen, wenn alle zusammen sind, und lässt sich teilen, wenn jemand Ruhe braucht. Mehr zu den Vor- und Nachteilen des offenen Wohnens findest du in meinem Artikel über den offenen Wohn-Essbereich.

 

Oshiire - Stauraum, der visuell zurücktritt

 

Der Oshiire (押入れ) ist ein eingebauter Wandschrank in traditionellen japanischen Häusern. Tagsüber verschwinden darin die Futons - und mit ihnen alles, was der Raum gerade nicht braucht. Von allen sechs Prinzipien ist mir dieses als Planerin am meisten ans Herz gewachsen. Der Raum bleibt frei, weil schon alles seinen Platz hat.

 

Engawa - der Übergang zwischen Haus und Garten

 

Die Engawa (縁側) ist ein schmaler, überdachter Holzsteg entlang der Außenseite traditioneller japanischer Häuser. Sie liegt zwischen Innenraum und Garten und gehört zu beidem. Öffnet man die Schiebewände, geht das Haus fließend in die Natur über.

 

Was davon in deutsche Häuser passt

 

Niemand muss sein Zuhause in ein Tokioter Haus verwandeln. Die sechs Prinzipien dahinter passen sehr wohl: eine Schwelle, an der du ankommst. Wände, die leer bleiben dürfen. Stauraum, der in der Wand verschwindet. Wie das aussehen kann, zeige ich dir weiter unten an zwei Häusern - einem Bestandshaus und einem Neubau.

 
Einbaumöbel als Teil der Wand

Raumhohe Einbauten integrieren Stauraum und Technik

 

Seijaku - Wie entsteht ein ruhiger Raum im Japandi-Stil?

 

Japandi sieht leicht aus. Reduziert, harmonisch, aufgeräumt. Dahinter steht ein Ziel, das in Japan einen eigenen Namen hat: Seijaku (静寂) die Stille. Diese Stille entsteht nicht von selbst. Ich plane sie. Einbauschränke nehmen Alltagsgegenstände auf. Raumkanten, Sichtachsen und Übergänge ordnen den Raum. Die Leere bekommt eine beabsichtigte Form.

 

Einbauschränke als Teil der Architektur

 

Ein einzelner Schrank wirkt oft „reingestellt“. Meistens geht man auch noch auf ihn zu, denn mindestens eine seiner seitlichen Wangen ist sichtbar im Türbereich. Ein geplanter Einbauschrank dagegen wird Teil der Wand. Er nutzt die Nische, die Schräge unter der Treppe und die volle Raumhöhe. Er verwahrt Staubsauger, Bügelbrett, Winterkleidung, Aktenordner und den anderen Kram, den du nicht täglich brauchst.

Meine Haltung dazu ist klar: Minimalismus heißt nicht Verzicht. Minimalismus heißt Planung. In Japan heißt diese Schlichtheit Kanso (簡素): Alles Überflüssige fällt weg, ohne dass der Raum kalt wird.

Deshalb sind Einbauschränke auf Maß in fast jedem meiner Projekte unverzichtbar. Erst wenn die Dinge einen durchdachten Platz haben, kann sich ein Raum wirklich ruhig anfühlen. Das kann dir kein „Japandi Living“-Sortiment liefern. Das muss jemand für deinen Raum denken, zeichnen und planen.

 

Klare Raumkanten und ruhige Sichtachsen

 

Wohin fällt dein Blick, wenn du die Haustür öffnest? Auf einen Berg aus Jacken - oder in einen Garten? In Japan werden Blicke geplant wie Wege. Eine Sichtachse durch zwei Räume lässt ein Haus größer wirken. Eine klare Raumkante gibt dem Auge eine Linie, an der es entlanggleiten kann.

 
 

Genkan und Engawa - Übergänge, die deinen Alltag sortieren

 

Ruhe beginnt bei den Wegen, Abläufen und Raumanordnungen. Wie oft am Tag kreuzt du den Flur mit vollen Händen? Liegt der Schlüsselkorb dort, wo du ihn brauchst - oder dort, wo zufällig Platz war? Japanische Häuser ordnen den Alltag in Zonen und verbinden sie mit Übergängen. Der Genkan ist einer davon, die Engawa (縁側) zwischen Haus und Garten ein anderer. Jede Schwelle sagt dem Körper: Hier beginnt etwas Neues.

Beim Fliesenhändler habe ich neulich gehört, dass immer mehr Menschen selbst umbauen. Viele zeichnen ihren Grundriss auch selbst. Ich sehe dann oft dasselbe Muster: Ein Raum reiht sich an den nächsten. Was fehlt, ist die Struktur dazwischen. Wo ist es laut, wo leise? Was ist offen, was privat? Wo filtert ein Übergang den Alltag, bevor er im Wohnzimmer ankommt? Japanische Architektur beantwortet diese Fragen seit Jahrhunderten. Diese Fragen entscheiden, ob ein Haus noch Jahrzehnte später passt.

 

Ma - Leere, die gestaltet ist

 

Ma, die gestaltete Leere, entsteht nicht dadurch, dass man etwas weglässt. Sie entsteht, weil man ihr bewusst Raum gibt. Eine Wand bleibt frei, weil die Augen sich ausruhen dürfen. Eine Ecke bleibt leer, weil dort am Nachmittag das Licht so schön auf den Holzboden fällt.

 

Das richtige Reizmaß

 

Das Reizmaß beschreibt, wie viele Sinneseindrücke ein Mensch in einem Raum verträgt oder braucht, bevor er anstrengend wird. Damit sind beide Richtungen gemeint. Jeder Mensch hat sein eigenes Reizmaß. Die meisten Menschen profitieren von einem mittleren Reizmaß, also von einem Raum, der entspannend, aber nicht langweilig ist. Hochsensible Menschen erreichen ihr Reizmaß oft schneller und brauchen daher reizarme Räume.


Deshalb gibt es für Japandi kein Rezept, das für alle gleich ist. Ich beobachte eine zunehmende Nachfrage nach reizreduzierten Räumen. Wer täglich einer digitalen Reizflut über mehrere Bildschirme ausgesetzt ist, braucht Räume, die passiv entschleunigen. Allein dadurch, dass man sich in ihnen aufhält, wird man ruhiger.

 
Handgearbeitete Reispapierleuchte auf einem Natursteinsockel

Zu Japandi gehören warmes Licht und Schatten.

 

Welches Licht gehört zu Japandi?

 

Zu Japandi gehören warmes Licht und Schatten. Der Schatten gibt dem Raum Tiefe. Gutes Licht folgt dem Tagesverlauf und unterstützt den natürlichen Biorhythmus.

 

Gedämpftes Licht im Japandi Interior

 

Shoji-Paneele (障子) filtern bei Bedarf das Licht, statt den Raum mit Licht zu fluten. Die Atmosphäre, die dabei entsteht, habe ich damals in Tokio immer so geschätzt, wenn ich mit Jetlag lichtempfindlich war. Licht ist in meinen Projekten ein eigenes Planungskapitel. Denn es gestaltet maßgeblich die Stimmung eines Raums und fördert das Wohlbefinden.

 

Lichtstimmungen im Tagesverlauf

 

Ein Raum hat nicht den ganzen Tag dasselbe Licht. Der Morgen, der Nachmittag und der Abend verlangen jeweils eine andere Stimmung. Am Nachmittag wandert das Tageslicht tiefer über Wände und Boden - eine leere Wand wird dann zur Leinwand für Schatten. Dafür plane ich Leuchten mit Dim to Warm: Je weiter das Licht gedimmt wird, desto wärmer wird es. Am Abend entsteht so ein ruhiges, warmes Licht.

 

Schatten als Teil der Raumwirkung

 

Der japanische Schriftsteller Jun’ichirō Tanizaki hat dem Schatten schon 1933 einen ganzen Essay gewidmet: „Lob des Schattens“. Er beschreibt, wie viel Tiefe und Ruhe im Halbdunkel liegt - und wie viel wir verlieren, wenn wir jede Ecke ausleuchten. Deshalb plane ich den Schatten genauso sorgfältig wie das Licht.

Ich gestalte weiche Übergänge zwischen Hell und Dunkel. Genau dort beginnt für mich Sensory Wellbeing Design©.

 

 

Lass uns über dein Projekt sprechen.

In einem unverbindlichen Erstgespräch lernen wir uns kennen und schauen gemeinsam, welcher Weg für dein Projekt der richtige ist.

 

 

Funktioniert Japandi im Bestandshaus oder nur im Neubau?

 

Japandi lässt sich auch gut in ein Bestandshaus oder einen Altbau übertragen, denn es ist weniger ein Stil als eine Haltung zu Raumprinzipien. Ältere Häuser bringen Holz, Charakter und gealterte Materialien mit. Die solltest du mit ihren Gebrauchsspuren mögen.

Ich zeige dir, wie das konkret aussieht - an einem Projekt, das mir besonders viel Spaß gemacht hat.

Eine selbständige Frau, beruflich viel im lebendigen Frankfurt unterwegs, kam mit einem klaren Wunsch zu mir: eine minimalistische, reizreduzierte Atmosphäre. Ein Zuhause, das sie von der Reizüberflutung der Großstadt erholt. Ein Ort, an dem der Tag von ihr abfällt. Und „Japandi“ war ihr Stichwort.

Ihr Haus: ein Siedlungshaus mit Splitlevel, Zeltdach und Sichtbalkendecke. Viel Charakter - und ein Fliesenboden, der gehen musste. Wir haben es teilsaniert. Und dabei japanisch gedacht:

 
  • Ein Genkan zum Ankommen. Gleich am Eingang gibt es jetzt eine echte Schwelle - einen Bereich, in dem Schuhe und Jacke bleiben. Wer hier eintritt, lässt Frankfurt draußen.

  • Einbauschränke in der Farbe der Wände - in jedem Raum. Der gesamte Stauraum ist individuell entworfen. Die Schränke treten optisch zurück, fast bis zur Unsichtbarkeit. Das Oshiire-Prinzip - übersetzt in ein deutsches Siedlungshaus.

  • Ein fugenloser Boden statt Fliesen. Die alten, terracottafarbenen Fliesen aus der „deutschen Toskana-Phase“ habe ich durch einen Mikrozementboden ersetzt. Eine durchgehende, stille Fläche über der Fußbodenheizung: glatt, nur mit einer Dehnungsfuge. Und genau dazu: das rohe Holz der Sichtbalken, die alten Holzfenster, das bauzeitliche Treppenhaus. Rau trifft glatt. Warm trifft ruhig. Dieser Kontrast trägt das ganze Haus.

  • Gestaltete Leere. Wie in Japan üblich habe ich mit Schwellenräumen, Übergängen und Sichtachsen gearbeitet - und die Leere bewusst gestaltet. Dafür sind sogar ein paar bauzeitliche Türen zwischen Haupt- und Nebenhaus weggefallen. Jetzt erzeugen Raumkanten, Licht und Schatten sowie gezielte Durch-, Aus- und Einblicke die Spannung. So entsteht Ma: eine Leere, die guttut, weil der Raum an dieser Stelle schon alles hat. Sie fühlt sich nicht nach Mangel an. Niemand denkt: Da fehlt noch eine Pflanze.

  • Keine Bilder an den Wänden. Wir haben stattdessen die Wärme des vorhandenen Holzes wirken lassen - und den Blick. Von fast jedem Punkt im Haus siehst du in den natürlich gehaltenen Garten mit den alten Apfelbäumen, Staudenbeeten und alten, gerumpelten Pflastersteinen. Im Frühjahr Blüten, im Herbst Äpfel im Gras. Die Natur malt hier die Bilder, und sie wechselt sie viermal im Jahr. Japan hat dafür gleich zwei eigene Konzepte: die Engawa, den fließenden Übergang zwischen Innenraum und Garten - und Shakkei (借景), die „geborgte Landschaft“. Was draußen wächst, wird drinnen Teil der Einrichtung - eine Verbindung zur Natur, die sich mit jeder Jahreszeit verändert.

 

Dazu kommen grobe Leinenvorhänge, die das Licht weich machen und mit dem fugenlosen Boden einen Ton-in-Ton-Kontrast in der Oberfläche bilden - und Lampen aus Reispapier.

Auf den Fotos sieht das alles selbstverständlich aus. Dahinter stecken ein Materialkonzept und eine Bemusterung vor Ort, die bei einem ganzen Haus oft ein bis zwei Tage dauert, mit allen Materialien und bei verschiedenen Lichtstimmungen. Auch der Mikrozementboden hat keine Standardfarbe, sondern einen eigens bemusterten Ton. Ich stelle dabei so lange alles infrage, bis es stimmt. Die Handwerker treibe ich damit manchmal in den Wahnsinn, aber am Ende gibt mir die Atmosphäre recht. Denn ich sehe, was das Licht mit dem Material macht. Mein Ziel war, dass das Haus bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit eine warme, minimalistische Atmosphäre hat. Je besser ein Raum geplant ist, desto selbstverständlicher wirkt er.

Meine Kundin nennt ihr Haus heute ihren „Ort zum Auftanken“. Schöner kann ich es nicht sagen. Die ganze Geschichte - mit allen Bildern, auch vom Zustand davor - findest du hier: Zu meinem Projekt: 1960er-Jahre-Privathaus in Offenbach

 


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Wie plane ich Japandi im Neubau?

 

Im Neubau kann ich die Prinzipien von Japandi von Anfang an in die Planung einbeziehen, beginnend mit dem Raum vor dem Haus: Wege, Plätze, Schwellen, Zwischenräume, Ankommen, Tageslicht, Atmosphäre, öffentliche und private, lebendige und ruhige Bereiche.

Die Qualität eines Zuhauses spürst du dort, wo kaum jemand hinschaut. Im Treppenhaus, durch das du zehnmal am Tag gehst. In der Speisekammer, aus der du Tomaten holst, während das Nudelwasser kocht. Im Bad, in dem dein Tag beginnt und endet.

Bei einem meiner Projekte, einem Neubau in Sinzheim, waren rund 155 Quadratmeter eines Zweifamilienhauses zu planen - vom Eingang über das Treppenhaus bis in die Speisekammer und die Bäder. Ich bin erst in der Rohbauphase beauftragt worden. Was ich am Grundriss und an den Raumhöhen noch ändern konnte, habe ich überarbeitet und auf die Nutzung abgestimmt. Küchen, Möbel und Einbauten sind individuell nach einem festgelegten Design geplant. Jeder Raum hat seine Einbauschränke, das Schlafzimmer dazu eine begehbare Ankleide. Der Oshiire ist in jedem Raum dabei.

Wir setzten auf wenige Materialien. Diese ziehen sich durch das ganze Haus: Fliesen mit strukturierter Natursteintextur, Eiche in ihrer natürlich warmen Farbe für Böden und Teile der Einbauten. Die meist firsthohen Decken wirken großzügig, ohne dass ein Raum seine Geborgenheit verliert. Das Treppenhaus habe ich skulptural entworfen, seine Wände gestaltet das Licht.

 
Japanisch Skandinavisch inspirierte Küche mit hellen Oberflächen und Regal aus geölter massiver Eiche

Diese japanisch-skandinavisch inspirierte Küche hat eine klare Rahmenstruktur und wenige Oberschränke.

 

Japandi Style in der Küche mitgeplant

 

Japanisch-skandinavisch inspirierte Küchen haben eine klare Rahmenstruktur, wenige Oberschränke und Fronten, die bis zum Sockel reichen. Übertiefe Seitenwangen rahmen die Küchenzeile ein wie ein Passepartout ein Bild. Ruhig, entschleunigend und zeitlos.

Doch wenn ich mir die Fotos namhafter Hersteller solcher Küchen ansehe, bleibt es ein Produkt aus dem Katalog - und das führt geradewegs zurück zur Einkaufsliste.

Eine Küche allein ist noch kein Raumkonzept. Und selten hört der Wunsch nach räumlicher Veränderung am Küchenblock auf. Die Frage ist, was du vorhast. Willst du nur die Küche austauschen und dich im Handel von einer sogenannten Japandi-Küche inspirieren lassen? Dann bleibt offen, wie sie zum Rest des Hauses passt. Im schlimmsten Fall ist sie ein teurer Schnellschuss, der später klemmt, weil sie nicht zu den anderen Räumen passt. Ein paar Oberschränke in Holz machen noch kein Japandi.

Die Raumprinzipien wirken erst, wenn sie sich durch mehrere Räume oder über eine Wohnebene ziehen. Du bewegst dich ja schließlich von Raum zu Raum.

Ob eine Küche dazu beiträgt, entscheidet sich erst im Zusammenspiel. Wo sitzt sie im Grundriss? Wie laufen die Wege zwischen Herd, Tisch und Terrassentür? Wohin fällt der Blick, wenn du abends am Esstisch sitzt? Wo verschwinden Wasserkocher, Brotmesser und der Großeinkauf? Und wie fällt das Licht über die Arbeitsfläche, wenn draußen schon die Dämmerung beginnt?

In diesem Projekt sind deshalb alle Küchen individuell geplant - zusammen mit der Speisekammer. Die offene Küche ist Teil der Architektur.

 
Freistehende Badewanne mit einem japanischen Hocker davor

Meine Kundin wünschte sich eine freistehende Badewanne mit Bodeneinlauf in ihrem natürlich gehaltenen Ensuite Badezimmer.

 

Japandi im Bad: ein Rückzugsort für den Abend

 

In Japan ist Baden ein Ritual. Man wäscht sich zuerst, dann sinkt man ins warme Wasser und lässt den Tag los. Genau diese Haltung steckt im Ensuite-Bad in Sinzheim. Meine Kundin wünschte sich ihr Bad als Retreat.

Dafür habe ich die Raumaufteilung optimiert und das Bad in Zonen gegliedert. Eine freistehende Badewanne, daneben ein japanischer Hocker. Eine Walk-in-Dusche mit Nische, damit keine Flaschen rumstehen. Ein maßgefertigter Waschtisch aus geölter Eiche, Fliesen in Muschelkalk-Textur. Selbst das Wasch-WC fügt sich so ein, dass es kaum auffällt, und die Türbänder liegen verdeckt. Nichts unterbricht den Blick. Im Erdgeschoss kam ein zweites, barrierefreies Bad dazu - in derselben ruhigen Sprache.

Das Projekt ist im September 2026 im CUBE Magazin Frankfurt und im Oktober 2026 in CUBE Select erschienen. Alle Bilder findest du hier: Neubau Privathaus Sinzheim und das Ensuite-Bad im Detail.

 

Stehst du gerade an einem ähnlichen Punkt?

Du planst einen Umbau, Neubau oder eine Modernisierung? Dann ist jetzt ein guter Moment für ein erstes Gespräch: 

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Frau mit großem naturfarbenem Keramikkrug in der Hand

Natürliche Materialien in unterschiedlichen Oberflächen machen diesen Raum zum idealen Rückzugsort.

 

Je früher die Planung, desto ruhiger das Haus

 

Wer Japandi ins eigene Zuhause bringen will, denkt oft zuerst an Möbel und Accessoires. Das ist die Japandi-Einkaufsliste - ein Look aus dem Möbelhaus. Die Ruhe, von der ich in diesem Artikel erzähle, entsteht bereits in der Planung mit der Architektur.

 

Wie richte ich mein Zuhause im Japandi-Stil ein?

 

Wer sich eine Einrichtung im Japandi-Stil wünscht, plant zuerst die Zonen des Raums: Laufwege, Durchgänge, Ausblicke. Materialien, Farben und Möbel kommen erst danach. Typisch sind natürliche Materialien wie Holz und Leinen, entsättigte Farben und wenige minimalistische Möbel - auch aus recyceltem Holz. Zusammen ergeben sie ein Gesamtbild aus Ruhe und Harmonie.

 
Japandi Details eines Wohnzimmers

Nur so viel wie nötig. Bewusst gestaltete Leere ist ein Prinzip bei Japandi.

 

Natürliche Materialien: Holz, Eiche, Leinen und Rattan

 

Japandi setzt auf Holz mit sichtbarer Maserung - helle Eiche für die nordische Wärme, dunkle Hölzer als japanischer Akzent. Der Wechsel aus hellen und dunklen Hölzern gibt einem Raum Tiefe, ohne ihn laut zu machen. Bei den Textilien: Leinen, Baumwolle und Teppiche aus Jute und Wolle, die den Hall schlucken. Dazu Stein oder Fliesen mit Steinhaptik, Rattan und Bambus für Leichtigkeit, Keramik und Steingut, deren Oberfläche Handwerksspuren zeigen darf.

Handgemachte Dinge haben in Japandi-Räumen einen besonderen Platz: ein handgewebter Teppich, eine getöpferte Schale, ein Möbel vom Schreiner. Sie sind nicht perfekt, und genau das macht sie wertvoll. Mehr über die Schönheit des Unperfekten findest du in meinem Artikel über Wabi-Sabi.

Metall setze ich sparsam ein, und am liebsten schwarz. Ich liebe Gusseisen: schwer, dunkel und handwerklich. Schwarze Elemente ziehen eine feine Linie durch den Raum und geben ihm Halt. Chrom und Hochglanz passen eher nicht.

Die Designbranche hat für diese Materialwelt gerade ein neues Lieblingswort gefunden: sensorisches Design. Räume, die über die Haut wirken und erst dann über die Augen. Ich muss da ein bisschen schmunzeln, denn genau das ist seit Jahren der Kern meiner Arbeit. Sensory Wellbeing Design© ist meine Methode für reizreduzierte Innenarchitektur. Sie verbindet Innenarchitektur, Architekturpsychologie und Neuroästhetik. Für mich heißt das: Räume so planen, dass sie allen Sinnen gerecht werden. Jeder Mensch hat sein eigenes Reizmaß: Der eine ist geräuschempfindlich, der andere bekommt von grellem Licht und Küchengerüchen Kopfschmerzen. Mehr über meine Methode findest du hier: Sensory Wellbeing Design©

 

Die Farbpalette: Naturfarben und Beige bis Dark Japandi

 

Neutrale Farben sind die Basis: gebrochenes Weiß, Sand- und Kieseltöne, Taupe, Schiefergrau, warme Grau- und bräunliche Erdtöne. Ein entsättigtes Grün oder ein tiefes Aubergine setzt einen bewussten Akzent.

Reines Weiß verwende ich sparsam. Es ist mir zu grell - es blendet und erzeugt harte Kontraste. Ich arbeite immer mit entsättigten Farben. Jede trägt ein wenig Grau oder Erde in sich. Jahrelang habe ich so gearbeitet, bevor ich lernte, dass es dafür ein japanisches Wort gibt: Shibui (渋い). Es bedeutet: Schönheit, die sich nicht aufdrängt.

Wenn die Farben zurücktreten, sprechen die Oberflächen. Raues Leinen, Kork, gewebte Wolle und die Maserung im Holz geben dem Raum Tiefe, ohne ihn mit Mustern zu überladen. Das Auge findet Halt, aber keine Unruhe.

Falls du Wohnmagazine liest: Die Japandi-Farbwelt entwickelt sich gerade weiter - dunkler und wärmer. Anthrazit, tiefes Rostrot, geräucherte Eiche; manche nennen das schon „Dark Japandi“. Ich finde diese Entwicklung folgerichtig. Dunkle, umhüllende Räume geben Geborgenheit.

Palette an neutralen Wandfarben

Möbel für den Japandi-Stil: niedrig, minimalistisch, wenige

 

Klare Linien, eher niedrige Silhouetten, kein Firlefanz. Niedrige Möbel lassen mehr Wandfläche frei - der Raum wirkt dadurch sofort ruhiger und weiter. Ein Raum mit wenigen, guten Möbelstücken wirkt klar. Jedes davon braucht einen Grund, dort zu stehen. Mein Grundsatz: Weniger - aber besser - ist mehr.

 

Wohnaccessoires im Japandi-Stil: ein Fokus statt zehn

 

Ich mag das Wort Wohnaccessoires nicht, da es nach austauschbarer Einkaufsliste und Dekoladen klingt. Das vorweg. Traditionelle japanische Häuser haben für besondere Stücke einen eigenen Ort: die Tokonoma (床の間) - eine Nische, in der genau ein Objekt gezeigt wird. Eine Vase. Ein Zweig. Eine Bildrolle. Der Rest bleibt leer. Ein einzelnes Objekt mit Raum wirkt stärker als zehn.

Ein unerwarteter Akzent darf trotzdem sein - wie der tiefviolette Keramikfuß im Hotelzimmer in Tokio. In Japan heißt dieser bewusste Bruch mit dem Gewohnten Datsuzoku (脱俗). Er verhindert, dass Ruhe starr wird. Dafür muss man die Prinzipien kennen: Nur wer sie anwendet, kann bewusst von ihnen abweichen.

 

Die häufigsten Mythen über Japandi

 

Mythos 1: „Japandi bedeutet vor allem Beige und helles Holz“

Japandi bedeutet nicht nur Beige und helles Holz. Entsättigte Farben und dunkle Hölzer gehören ebenso dazu. Das kann ein gebrochenes Weiß sein, ein gedecktes Grün, ein tiefes Rostrot oder Anthrazit. Ob hell oder dunkel, ist Geschmackssache. Die Ruhe entsteht in beiden Fällen über die Harmonie.

 

Mythos 2: „Mit den richtigen Möbeln entsteht automatisch ein Japandi-Raum“

Möbel allein schaffen keinen Japandi-Raum. Erst Stauraum, Übergänge und Licht schaffen die Ruhe. Ein Esstisch aus Eiche und eine Leuchte aus Reispapier machen noch kein ruhiges Zuhause, solange sich im Flur das Altpapier stapelt und drei Paar Gummistiefel rumfliegen. Oft fehlt gar kein weiteres Möbelstück. Es fehlt meiner Erfahrung nach an Atmosphäre.

 

Mythos 3: „Minimalismus bedeutet, möglichst wenig zu besitzen“

Japandi verlangt keinen Verzicht. Japandi verlangt bewusstes Konsumieren, Bewahren und Stauraum, der mitgeplant ist. Genau dafür gibt es in Japan den Oshiire - und in meinen Projekten Einbauschränke auf Maß. Ein Raum wirkt ruhig, wenn nichts herumsteht, was dort nicht hingehört.

 

Mythos 4: „Japandi funktioniert nur in modernen Neubauten“

Japandi funktioniert auch im Bestandshaus. Ältere Häuser bringen oft vieles mit, was Japandi liebt: ihre Geschichte, Sichtbalken, alte Holzfenster, ehrliche Materialien. Man muss sie nur freilegen und ordnen. Das Siedlungshaus aus den 1960er-Jahren in Offenbach zeigt, wie gut das funktioniert.

 

Häufige Fragen zum Japandi-Stil

 

Woher kommt der Begriff Japandi?

Der Begriff Japandi verbindet die Wörter Japan und Skandinavien. Er beschreibt eine Gestaltung, die beide Kulturen vereint. Der Name ist jung. Die gegenseitige Inspiration reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück.

 

Was unterscheidet Japandi von Wabi-Sabi?

Wabi-Sabi (侘寂) ist eine japanische Philosophie - die Schönheit des Unperfekten. Japandi ist ein Gestaltungsstil, der diese Philosophie mit skandinavischem Design verbindet. Vereinfacht: Wabi-Sabi ist die Haltung, Japandi der Raum dazu.

 

Was unterscheidet Japandi vom skandinavischen Stil?

Der Skandi-Stil ist heller und verspielter - viel Weiß, helles Holz, gern ein paar Muster. Japandi zieht die japanische Ruhe ein: dunklere Akzente, mehr Leere, deutlich weniger Deko. Skandinavisch umarmt dich, Japandi lässt dich atmen. Und genau von dieser japanisch-skandinavischen Mischung lebt Japandi.

 

Funktioniert Japandi auch in kleinen Räumen?

Japandi funktioniert besonders gut in kleinen Räumen. Tokio macht es vor: Je kleiner die Fläche, desto mehr erreichst du mit Leere, niedrigen Möbeln und geplantem Stauraum. Ein kleiner Raum verträgt keine Deko-Exzesse, er braucht Ordnung und Atmosphäre.

 

Passt Japandi zu Familien mit Kindern?

Japandi passt gut zu Familien mit Kindern. Kinder bringen genug Buntes und Bewegtes mit. Ein ruhiger Rahmen mit viel geschlossenem Stauraum ist das Beste, was du deinem Familienalltag mit Lego, Holzeisenbahn & Co. antun kannst.

 

Welche Farben gehören zu Japandi?

Zu Japandi gehören gedeckte Naturfarben: gebrochenes Weiß, Beige, Sand, Grau- und Erdtöne, Taupe und Schiefergrau. Dazu kommen geerdete Akzente wie tiefes Braun, stilles Grün oder Rostrot. Wichtiger als die einzelne Nuance: Alle Farben bleiben gedeckt.

 

Was ist Dark Japandi?

Dark Japandi ist eine dunklere Variante des Japandi-Stils. Statt heller Naturtöne prägen Anthrazit, tiefes Braun, Rostrot und geräucherte Eiche den Raum. Die Raumprinzipien bleiben gleich: gestaltete Leere, natürliche Materialien und Ruhe. Dunkle Räume wirken umhüllend und geben Geborgenheit. Ob hell oder dunkel besser passt, hängt vom Reizmaß der Menschen ab, die darin leben.

 

Welche Metalle passen zu Japandi?

Zu Japandi passen matte, dunkle Metalle wie Gusseisen und schwarzer Stahl. Auch gebürstetes Messing oder patinierte Bronze funktionieren. Chrom und Hochglanz passen nicht, weil sie spiegeln und Unruhe erzeugen. Metall bleibt im Japandi-Stil ein Akzent und nie die Hauptrolle.

 

Muss man für Japandi alles neu kaufen?

Für Japandi musst du nicht alles neu kaufen. Am Anfang kaufst du am besten gar nichts. Erst wird der Raum geplant, dann zeigt sich, was er wirklich braucht. Oft fehlt gar kein Möbelstück.

 

Brauche ich für Japandi eine Planung?

Für die Einrichtung brauchst du nicht unbedingt eine Planung. Für Grundriss, Einbauten und Licht lohnt sich professionelle Planung. Diese Entscheidungen lassen sich später nur schwer ändern. Gerade bei einem Neubau oder Umbau entscheidet die Planung, ob das Haus später zu deinen sensorischen Bedürfnissen und zu deinem Alltag passt.

 

Lohnt sich eine Planung, wenn wir viel selbst umbauen?

Gerade dann lohnt sich ein Plan. Wer selbst umbaut, braucht klare Entscheidungen vor dem ersten Handgriff. Ein Plan legt Wege, Übergänge, Einbauten und Licht fest. Wie viel du danach selbst machst, entscheidest du.

 

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Japandi-Planung?

Der beste Zeitpunkt liegt vor dem Rohbau oder vor dem Umbau. Dann lassen sich Wände, Einbauten und Elektroplanung noch verändern. Später bleiben vor allem die Einrichtung und das Farbkonzept.

 

Funktioniert Japandi auch in Küche, Bad und Treppenhaus?

Japandi funktioniert auch in Küche, Bad und Treppenhaus. Dort wirkt es oft sogar am stärksten. Ein ruhiges Treppenhaus, eine Küche ohne Chaos auf der Arbeitsfläche und ein Bad als Rückzugsort entstehen aber nicht durch Deko. Sie entstehen in der Planung.

Wenn du gerade baust, umbaust oder sanierst

Vielleicht steckst du gerade mittendrin. Der Rohbau steht, oder der Kaufvertrag für ein altes 1960er-Jahre-Haus ist unterschrieben. Dein Kopf wälzt immer dieselben Fragen. Wo fangen wir an? Was müssen wir jetzt entscheiden, und was hat noch Zeit? Reicht das Budget für das, was wir uns vorstellen? Brauchen wir überhaupt eine Planung, wenn wir vieles selbst machen?

Diese Fragen sind normal. Doch allein drehen sich Bauherren oft im Kreis. Freunde zu fragen, hilft oft nicht, denn ihr tickt einfach anders. Mit jedem Bauabschnitt sind Entscheidungen nötig, die sich später nur schwer ändern lassen.

Vielleicht hast du diesen Artikel gelesen, weil du dir skandinavische Schlichtheit und japanische Ruhe in deinen eigenen vier Wänden wünschst? Dann lass uns sprechen!

Im Erstgespräch schauen wir gemeinsam, wo du stehst - ob Neubau, Modernisierung oder Renovierung - und ob meine Begleitung für dein Projekt sinnvoll ist. Du musst noch nicht wissen, was du willst. Dafür ist das Gespräch da. Nach unserem Gespräch kennst du deinen nächsten Schritt. Ich freue mich, dich und dein Projekt kennenzulernen.

 

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Lass uns gemeinsam herausfinden,
was dein Projekt braucht.

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deine Wünsche und über die nächsten sinnvollen Schritte.


Martina Velmeden, Interior Designerin und Inhaberin von Velmeden Atelier bei Heidelberg

Über die Autorin

Martina Velmeden hat den Master of Engineering (M.Eng.) in Innenarchitektur, ist Mitglied im bdia und Inhaberin von Velmeden Atelier in Hirschberg an der Bergstraße, am Rand von Weinbergen bei Heidelberg. Seit 2014 plant und gestaltet sie zeitlos minimalistische und reizreduzierte Innenräume für Ruhe und Entschleunigung, bei Renovierung, Umbau, Modernisierung und Neubau. Erst private Wohnräume und Ferienhäuser, seit 2020 auch Ästhetikinstitute, Praxen und Klinikräume. Für ihre Arbeit erhielt sie den bdia Masterpreis. Sie arbeitet deutschlandweit, in Österreich und der Schweiz, auf den Kanaren und Mallorca sowie online.

Als hochsensibler Mensch hat sie früh gespürt, wie stark Räume auf das Nervensystem wirken. Daraus entwickelte sie ihre Methode Sensory Wellbeing Design©, die Innenarchitektur mit Architekturpsychologie und Neuroästhetik verbindet. Ihre Überzeugung: Gut gestaltete Räume sind für die Gesundheit so wichtig wie Ernährung, Bewegung und Schlaf.

In ihrem Blog, in Interviews und Gastbeiträgen schreibt und spricht sie über Wohnen mit Hochsensibilität, Slow Living, Achtsamkeit und die Wirkung von Räumen auf Wohlbefinden, Regeneration und Erholung. Über ihre Arbeit berichteten unter anderem die Frankfurter Allgemeine Zeitung, der Deutschlandfunk, die Deutsche Presse-Agentur und das dm-Magazin alverde. Vorgestellt wurde sie außerdem in Elle Decoration, Häuser und Myself.

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